Bundesliga
Borussia Mönchengladbach beim FC Bayern – Lars Stindl über "Beschützer" Eberl und ein Plädoyer für Eugen Polanski
- Veröffentlicht: 05.03.2026
- 21:29 Uhr
- Andreas Reiners
Vor dem Heimspiel des FC Bayern gegen Borussia Mönchengladbach haben wir mit Lars Stindl über die dominanten Bayern, Max Eberl, die prekäre Situation in Gladbach und die Gründe für den Absturz gesprochen.
Das Interview führte Andreas Reiners
Das Unverständnis war groß bei Lars Stindl, als Max Eberl im vergangenen Sommer beim FC Bayern im Kreuzfeuer der Kritik stand.
"Wir urteilen in Deutschland oft sehr schnell", sagte Stindl im ran-Interview: "Die war heftig, aus vielen Richtungen. Aber ich finde, er hat das sehr seriös moderiert und abgeblockt. Gerade in solchen Phasen wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Das hat er gut gelöst."
Eberl hatte Stindl 2015 zu Borussia Mönchengladbach geholt. Der 37-Jährige stellt dem Sportvorstand des FC Bayern auch sonst ein gutes Zeugnis aus. "Der FC Bayern macht in vielen Bereichen wieder sehr viel richtig. Ich finde sowohl die externen Transfers als auch die Entwicklung der eigenen jungen Spieler, denen man Chancen gegeben hat, sehr überzeugend. Eberls gute Arbeit wird jetzt belohnt."
Am Freitag (ab 20:30 Uhr im Liveticker) zum Auftakt des 25. Bundesliga-Spieltags kommt Eberls und Stindls Ex-Klub Borussia Mönchengladbach in die Allianz Arena, die Gladbacher bleiben nach dem Sieg gegen Union Berlin abstiegsbedroht.
Stindl spricht im ran-Interview nicht nur über die dominanten Bayern und Eberl, sondern auch über die prekäre Situation in Gladbach und die Gründe für den Absturz. Und wie man die Bayern knacken kann.
Stindl: Die Bayern haben nochmal einen Schritt nach vorne gemacht
ran: Lars Stindl, die Bayern haben gegen den BVB ihre Dominanz eindrucksvoll untermauert. Sind das die besten Bayern der Geschichte?
Lars Stindl: Auf jeden Fall sind es sehr, sehr gute Bayern. Mein Gefühl ist: In diesem Jahr haben sie noch einmal einen Schritt nach vorne gemacht in Sachen Konstanz, Dominanz und Stabilität. Sie wirken gefestigter, abgeklärter, einfach noch kompletter. Im Moment sind sie auf einem sehr hohen Niveau unterwegs. Und ich glaube, dass bei vielen deutschen Fußballfans eine große Vorfreude herrscht auf das, was international noch kommen kann.
ran: Jetzt mal böse gefragt: Wie langweilig wird es denn jetzt?
Stindl: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Bayern das noch nehmen lassen. Und ehrlich gesagt: Sie werden es auch nicht unnötig spannend machen. Natürlich kann es immer mal Ausrutscher geben, aber die Bayern werden durchmarschieren.
ran: Trainer Vincent Kompany hat betont, man dürfe auf keinen Fall nachlassen, auch mit Blick auf Champions League und DFB-Pokal. Wie hält man in so einer Situation die Spannung hoch? Wie schwierig ist das?
Stindl: Grundsätzlich sehe ich bei dieser Mannschaft eine enorme Charakterstärke. Der Umgang zwischen Team und Trainerteam wirkt auf mich sehr professionell. "Harmonisch" ist immer ein schwieriges Wort, aber es macht einen sehr klaren, sehr erfolgsorientierten Eindruck. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Spannung nicht abfallen wird. Jeder will sich für die ganz großen Abende empfehlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da jemand nachlässt. Und falls doch, werden Kompany und sein Staff sehr schnell eingreifen und das korrigieren.
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ran: Wie macht man das als Trainer konkret? Was muss Kompany tun, damit die Mannschaft auf hoher Betriebstemperatur bleibt?
Stindl: Du musst die Spannung gar nicht künstlich hochziehen oder dir irgendwelche Tricks überlegen. Die Spieler sind clever genug, sie wissen genau, worum es geht. Kompany ist ein sehr guter Trainer, nicht nur sportlich und taktisch, sondern auch in der Menschenführung. Er kennt solche Situationen aus eigener Erfahrung. Und es gibt immer noch Rekorde, Serien oder Bestmarken, die man jagen kann. Diesen Hunger strahlt die Mannschaft aus, eigentlich der ganze Verein. Das ist dieses Sieger-Gen, das sie in sich tragen. Und deshalb glaube ich, dass sie auch in der Bundesliga in jedem Spiel voll durchziehen werden.
ran: Es ist oft ein schmaler Grat zwischen Spannung hochhalten und der Verletzungsgefahr. Ist das als Spieler ein großes Thema?
Stindl: Nein, das darfst du nicht an dich ranlassen. Verletzungen sind leider eine bittere Begleiterscheinung im Sport, auf jedem Niveau. Und oft passieren sie zu extrem unglücklichen Zeitpunkten, das habe ich selbst erlebt. Aber es darf niemals der Gedanke sein: "Ich mache jetzt mal etwas langsamer, damit nichts passiert." Mit so einer Haltung passiert erst recht etwas. Natürlich kann man als Trainer Einsatzzeiten steuern, Belastung dosieren, Regeneration optimieren. Aber Vollgas auf dem Platz ist Grundvoraussetzung, erst recht bei Bayern München. Und für viele Spieler steht noch ein großes Turnier im Sommer an.
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Stindl: FC Bayern einen Tick weiter als Real oder Manchester City
ran: Was glauben Sie, was in der Königsklasse drin ist, auch mit Blick auf den Turnierbaum?
Stindl: Es ist wieder ein brutaler Weg, aber genau darauf freut man sich als Fußballfan. Die Bayern haben immer den Anspruch und auch die Qualität, ins Finale zu kommen und den Titel zu gewinnen. Auch in diesem Jahr sehe ich sie unter den Top drei. Aber der Weg dorthin wird extrem anspruchsvoll. Gegen Atalanta werden sie sich durchsetzen, da bin ich überzeugt, auch wenn der Gegner stärker ist, als es der Name vielleicht vermuten lässt. Ich finde Atalanta sehr spannend, sehr gut organisiert. Da wird vielleicht auch mal ein kleiner Fehler verziehen, wenn die Tagesform stimmt.
ran: Aber dann kommen Top-Teams wie Real, City oder PSG…
Stindl: Gegen diese absoluten Top-Teams entscheiden Kleinigkeiten. Da zählt nicht, wie du vorher performt hast, sondern ob du im richtigen Moment auf den Punkt da bist. Ich sehe Bayern aktuell vielleicht einen Tick weiter als Real oder Manchester City, aber das bedeutet in diesen Duellen gar nichts. Das sind absolute Spitzenmannschaften. Wenn es ernst wird, können die jederzeit liefern. Aber ich habe große Hoffnung, dass Bayern in diesem Jahr wieder ins Finale einziehen kann.
ran: Max Eberl hat Sie damals nach Gladbach geholt. Wie schlägt er sich im Haifischbecken Säbener Straße?
Stindl: Wir urteilen in Deutschland oft sehr schnell. Im Sommer 2025 war die Kritik an ihm und an der gesamten Handhabung durchaus deutlich. Aber der sportliche Erfolg hat die Diskussionen schnell im Keim erstickt. Der FC Bayern macht in vielen Bereichen wieder sehr viel richtig. In München hat Eberl nun die finanziellen Möglichkeiten, aber du musst die richtigen Spieler holen und sie so integrieren, dass sie einen ohnehin starken Kader noch besser machen. Ich finde sowohl die externen Transfers als auch die Entwicklung der eigenen jungen Spieler, denen man Chancen gegeben hat, sehr überzeugend. Eberls gute Arbeit wird jetzt belohnt. Man merkt es auch an der Resonanz: Es gibt keine Kritik mehr. Und das ist für einen Klub wahrscheinlich das größte Kompliment: Wenn Ruhe herrscht, weil die Ergebnisse stimmen.
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ran: Hat man als ehemaliger Wegbegleiter so etwas wie Mitleid, wenn es öffentlich so kracht, wie es rund um ihn in der Vergangenheit gekracht hat?
Stindl: Das ist eher Unverständnis, weil man die Person kennt und ein sehr gutes Verhältnis hat. Max ist keiner, der Erfolge für sich allein beansprucht. Er stellt immer sein Team in den Vordergrund und betont, dass Entscheidungen gemeinsam erarbeitet werden. Wenn er einmal von einer Richtung überzeugt ist, dann zu hundert Prozent. Er ist immer ein Beschützer von Verein und Mannschaft. Die Kritik im vergangenen Jahr war heftig, aus vielen Richtungen. Aber ich finde, er hat das sehr seriös moderiert und abgeblockt. Gerade in solchen Phasen wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Das hat er gut gelöst.
FC Bayern dominant: Eine Chance für Gladbach?
ran: Jetzt kommt die Borussia. Ist diese komfortable Situation der Bayern vielleicht eine Chance für Gladbach?
Stindl: Nein, das ist in so einem Spiel eigentlich egal. Natürlich ist es grundsätzlich extrem schwer, in München zu bestehen, gerade in dieser Saison mit der Qualität und Konstanz, die die Bayern aktuell haben. Aber: In jedem Fußballspiel gibt es eine Chance. Und genau mit diesem Gedanken wird Borussia am Freitagabend antreten. Sie werden versuchen, defensiv stabil zu stehen, sich im Detail angeschaut haben, wo man ansetzen kann, klare Schwerpunkte setzen. Offensiv war am vergangenen Wochenende schon ein Schritt nach vorne zu erkennen. Daran werden sie anknüpfen wollen. Du fährst nach München mit Realismus: es wird schwer, es muss viel zusammenpassen. Aber auch mit dem Optimismus, in jedem Spiel etwas holen zu wollen.
ran: Der FC Augsburg hat gezeigt, wie man die Bayern in ihrem Stadion schlagen kann. Was braucht es grundsätzlich dafür?
Stindl: Du brauchst eine überragende Tagesform und im Idealfall auch mal einen nicht ganz perfekten Tag einzelner Bayern-Spieler. Dazu ein klarer Plan, absolute Überzeugung und vor allem Mut, dein Spiel durchzuziehen. Du brauchst eine hohe Frustrationstoleranz. Du wirst viel laufen müssen, oft nur, um Situationen zu löschen und nicht, um sofort Ballgewinne zu erzwingen. Die defensive Disziplin, besonders bei den Offensivspielern, muss extrem hoch sein. Und vorne musst du sauber und klar sein. Du bekommst nicht viele Chancen, und die wenigen musst du mit voller Überzeugung nutzen. Mutig bleiben, Nadelstiche setzen. Wobei: Die Bayern können auch Druckphasen aushalten. Die haben gar kein Problem, wenn es hinten auch mal brennt. Sie schalten schnell um, bleiben ruhig. Das muss dir bewusst sein. Wenn all diese Faktoren zusammenkommen, kannst du auch gegen einen qualitativ überlegenen Gegner punkten.
ran: Sie sind noch nah dran an der Borussia. Wie erleben Sie aktuell die Stimmung?
Stindl: Grundsätzlich nehme ich schon so etwas wie eine leichte Aufbruchsstimmung wahr, auch wenn man aktuell wieder kritischere Stimmen hört. Aber stark war der Auftritt am Samstag gegen Union. Nicht nur das späte, aber hochverdiente Ergebnis, sondern vor allem die Art und Weise, die Haltung der Mannschaft. Da hat man gemerkt: Das Innenleben stimmt, das ist intakt. Die wollen da gemeinsam rauskommen. Von außen sagt man schnell: "Klar müssen die." Aber es dann auch umzusetzen, spricht für Charakter und Zusammenhalt.
ran: Nach München kommen die Wochen der Wahrheit mit Spielen gegen direkte Konkurrenten. Sehen Sie die Borussia gerüstet für den Abstiegskampf?
Stindl: Wenn sie die richtigen Schlüsse daraus ziehen und sich dieses Bewusstsein dauerhaft verankern. Die große Frage im Fußball ist immer die Konstanz. Ein solches Spiel habe ich schon oft erlebt. Entscheidend ist, ob du es Woche für Woche wiederholen kannst. Die Basis haben sie am Samstag gelegt. Aber jetzt geht es darum, das in jedem einzelnen Spiel erneut zu bestätigen. Genau daran wird sich zeigen, ob sie die Situation wirklich angenommen haben.
ran: Sie haben die sehr erfolgreichen Jahre bei Borussia miterlebt. Was ist seitdem schiefgelaufen?
Stindl: Das waren wirklich viele gute Jahre. Aber genau da liegt auch die Herausforderung für einen Klub wie Borussia Mönchengladbach: Diese Konstanz dauerhaft zu halten, ist extrem schwierig. Vor allem, wenn plötzlich Mehrfachbelastung dazukommt, wenn Spieler mit einer anderen Qualität, einer anderen Gehaltsstruktur, einer anderen Erwartungshaltung kommen. Mit diesem Erfolg richtig umzugehen, ist nicht einfach. Für einen gewissen Zeitraum haben wir das geschafft. Aber sobald Dinge nicht mehr aufgehen – Transfers nicht funktionieren, Entscheidungen sich im Nachhinein als nicht optimal herausstellen oder Spieler verkauft werden, die man vielleicht noch gebraucht hätte – dann geht es in der Bundesliga sehr schnell in die andere Richtung. Und dann entsteht ein Strudel.
Gladbach: Differenzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit
ran: Hat man diese Entwicklung unterschätzt?
Stindl: Die Erwartungshaltung rund um den Klub war lange die eines europäischen Vereins. Diese Wahrnehmung hat sich gehalten, auch wenn sich die Qualität im Kader und in der Struktur längst verändert hatte. Da entstehen automatisch Differenzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ich habe aber das Gefühl, dass dieses Umdenken inzwischen stattgefunden hat. Intern wie extern. Man nimmt die Situation realistischer wahr, trauert nicht den europäischen Nächten hinterher, sondern erkennt an, wo man steht. Und das ist entscheidend: Dass Verein, Umfeld und Fans gemeinsam versuchen, aus dieser Phase herauszukommen. Borussia hat es geschafft, diesen Trend abzufangen. Man hat erkannt, dass man sich strukturell und gedanklich neu aufstellen muss. Und vielleicht entsteht daraus irgendwann wieder etwas Besonderes.
ran: War der sportliche Absturz schon abzusehen, als Sie gegangen sind?
Stindl: Grundsätzlich schon. Die Spieler, die diese erfolgreichen Jahre geprägt haben, waren irgendwann nicht mehr da. Und dann musst du zwangsläufig einen Umbruch einleiten innerhalb der Mannschaft, in der Hierarchie, in der Struktur. Aber du kannst nicht einfach einen Schalter umlegen und sagen: Jetzt wird alles neu. Man hat versucht, neue Spieler zu integrieren, die Verantwortung übernehmen sollen. Gleichzeitig waren aber auch noch Akteure da, die für sich das Gefühl hatten, weiterhin diese tragende Rolle ausfüllen zu können und ihren Platz nicht einfach freigeben wollten. So ein Prozess braucht Zeit und vor allem den richtigen Moment. Das war bei mir auch so, als ich nach Gladbach kam.
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ran: Inwiefern?
Stindl: Damals haben wir innerhalb eines Jahres mehrere Führungsspieler verloren: Martin Stranzl, Roel Brouwers oder Granit Xhaka. Da entstand ein Vakuum. Und in dieses Vakuum konnte die nächste Generation hineinwachsen. In den vergangenen Jahren lief es eher schrittweise, peu à peu. Kein klarer Schnitt, sondern ein Übergang im Fluss. Und das ist oft schwieriger, weil du einerseits von der erfolgreichen Vergangenheit zehrst, andererseits aber Neues implementieren willst. Diese Spannungen waren in den letzten Jahren immer da, und genau das macht so eine Phase kompliziert.
Stindl "ein großer Fan" von Eugen Polanski
ran: Wie beurteilen Sie den aktuellen Weg mit Rouven Schröder und Eugen Polanski?
Stindl: Ich bin ein großer Fan von Eugen. Ich habe mich sehr gefreut, dass er endlich diese Chance bekommen hat, weil er seine Qualitäten schon mehrfach unter Beweis gestellt hat. Vor allem beeindruckt hat mich, wie gut er diese extrem schwierige Ausgangssituation zu Beginn gemeistert hat. Das zeigt, dass er auch mit Druck umgehen und durch schwere Phasen gehen kann – wie zuletzt wieder am Wochenende. Jetzt geht es darum, Konstanz hineinzubekommen. Dass man sich möglichst nicht bis zum letzten Spieltag unten festbeißt, auch wenn die Liga extrem eng ist.
ran: Die Ansprüche bei Borussia sind andere als Abstiegskampf. Welche Schritte braucht es, damit es wieder nach oben geht?
Stindl: Zunächst einmal geht es darum, diese Saison so gut wie möglich zu Ende zu bringen. Wenn sie das meistern, kann daraus auch etwas wachsen: Erfahrung, Reife, Zusammenhalt. Im Sommer wird es dann darum gehen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Eugen muss die Zeit bekommen, mit dem Kader ins Detail zu gehen, Dinge zu verändern, vielleicht gezielt nachzusteuern. Ihm und seinem Team muss man die Möglichkeit geben, eine Mannschaft aufzubauen, die klar seine Handschrift trägt. Mit diesem Vertrauen und einer klar strukturierten Vorbereitung kann man dann in die neue Saison gehen, mit dem Ziel, sich wieder stabiler und klarer zu positionieren.