Olympische Winterspiele in Italien
Olympia 2026 - Jutta Leerdam: Skatefluencerin zwischen Jet und Jagd nach Gold
- Aktualisiert: 08.02.2026
- 14:25 Uhr
- Carolin Blüchel
Eisschnelllauf-Star Jutta Leerdam sorgt bei ihrer Olympia-Ankunft für Diskussionen. Erst wegen der privaten Anreise, dann wegen ihres Umgangs mit den Medien. Kritik prallt auf sportliche Realität: Die siebenmalige Weltmeisterin zählt über 500 und 1000 Meter zu den Goldfavoritinnen.
von Carolin Blüchel
92 Millionen Dollar kassierte der YouTuber Jake Paul, als er sich kürzlich von Ex-Boxweltmeister Anthony Joshua im Ring vermöbeln ließ. Danach postete er ein Bild von sich im Privatjet: Paul badete in Dollarnoten.
Gemessen daran wirkte die Olympia-Anreise seiner Verlobten Jutta Leerdam nahezu bescheiden. Der Eisschnelllauf-Star jettete zwar ebenfalls privat zu den Olympischen Winterspielen nach Cortina, doch statt Geldscheinen umgaben die siebenmalige Weltmeisterin Oranje-Fähnchen und Cupcakes mit der Aufschrift "Success, Jutta". Viel Erfolg.
Denn anders als ihr Partner ist die 27-jährige Niederländerin nicht nur eine schillernde Figur der sozialen Medien, sondern auch sportlich unumstritten.
Über 500 und 1000 Meter greift Leerdam nach Medaillen, über die längere Strecke gilt sie als Topfavoritin. Bereits in Peking 2022 gewann sie über diese Distanz Silber.
Dass sie bei mehr als fünf Millionen Instagram-Followern, zwei Millionen bei TikTok und einem Leben im Luxus täglich schuftet, um rund eine Minute und zwölf Sekunden auf dem Eis zu brillieren, ist sicher auch eine psychologische Leistung. Zumal der Hype in den sozialen Medien einsetzte, noch bevor sie sportlich zur Weltklasse reifte.
2019 kürte das Männermagazin FHM sie zum "schönsten Hintern der Niederlande". Leerdam nutzte das Momentum und avancierte mit einer fast schon Kardashian-artigen Strategie früh zum Social-Media-Star.
Leerdam zu Pressegespräch verdonnert
Doch wer Erfolg und Reichtum sichtbar inszeniert, ruft auch Widerstand hervor. In ihrer Heimat schlug der Niederländerin für ihre ungewöhnliche Olympia-Anreise massive Kritik entgegen.
"Ich finde ihr Verhalten entsetzlich, wie das einer Diva", schimpfte der frühere Fußball-Profi und heutige Journalist Johan Derksen in der Sendung "Vandaag Inside". "Sie ist nicht anders als die anderen Eisschnellläuferinnen, die Linienflüge nehmen. Als Trainer hätte ich das nicht toleriert."
Weit gefehlt, und wie sie anders ist! Schon 2024 trennte sich Leerdam von ihrer Trainingsgruppe, arbeitete zunächst komplett alleine und misst sich mittlerweile im Training lieber mit Männern als mit ihren Teamkolleginnen. Leerdam macht eben selten das, was man von ihr erwartet.
So auch in Cortina. Um sich durch die Debatte um ihre öffentlichkeitswirksame Anreise nicht weiter beirren zu lassen, verzichtete Leerdam vor ihrer Paradedisziplin über 1000 Meter auf Pressetermine. Formal ist das gemäß der Regularien des IOC erlaubt, ausgelegt wurde es dennoch als Affront.
Nach einer offiziellen Beschwerde verdonnerte Team Oranje seine Vorzeigesportlerin schließlich zu einem Interview mit dem staatlichen Sender NOS. Leerdam zeigte sich verwundert. Sie habe vor dem Wettkampf in ihrer "Blase" bleiben wollen. Über soziale Medien gebe sie ohnehin tiefe Einblicke in ihr Leben. Mehr sei aus ihrer Sicht nicht nötig gewesen.
Olympische Extrawürste gab es schon immer
Dabei ist die Aufregung um Sonderwege im olympischen Kontext alles andere als neu. Schon 1992 wohnte das "Dream Team" um Michael Jordan in Barcelona nicht im Olympischen Dorf, sondern abgeschirmt im Hotel. In Rio 2016 tauschten die US-Basketballer das Dorf sogar gegen ein Kreuzfahrtschiff.
Schwimmlegende Michael Phelps residierte zeitweise in separaten Unterkünften, Sprint-Ikone Usain Bolt ließ sich komplett abschotten, war für "normal sterbliche" Athleten kaum greifbar. Doch niemand bekam für individuelle Lösungen derart heftigen Gegenwind wie die extravagante Eisschnellläuferin.
Vielleicht, weil sie ihre Sonderstellung nach dem Geschmack vieler zu sehr nach außen trägt. Vielleicht, weil sie das olympische Ideal des Gemeinsamen mit ihrer Ego-Show konterkariert. Vielleicht auch, weil weibliche Selbstinszenierung im Spitzensport noch immer strenger bewertet wird.
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Leerdam tut dem Eisschnelllauf gut
Während sich in den Niederlanden der Unmut türmt, gibt es auch andere Stimmen. Die frühere Olympiasiegerin Anni Friesinger-Postma begrüßt die Aufmerksamkeit. Glamour-Persönlichkeiten wie Leerdam täten dem Eisschnelllauf gut, weil sie Reichweite schaffen, gerade im Vergleich zu populäreren Wintersportarten, so die Deutsche bei "Eurosport".
Ob der Trubel Leerdam nun schadet oder sie ihn ausblenden kann, entscheidet sich dort, wo ihre Karriere begonnen hat: auf dem Eis. Am Montag über 1000 Meter, am Sonntag darauf über 500 Meter. Liefert sie, könnte sich auch in der Heimat der Ton schnell ändern. Dann wäre ihr individueller Weg im Handumdrehen ein Erfolgsrezept.