Strittige Bundesliga-Szenen
Bundesliga: VAR-Statistik "einfach nicht richtig" - Schiedsrichter-Experte Urs Meier exklusiv über den Chaos-Spieltag
- Aktualisiert: 11.02.2026
- 09:57 Uhr
- Malte Ahrens
Nachdem es am vergangenen Bundesligaspieltag einige strittige Situationen gab, haben wir Urs Meier um seine Einschätzung gebeten. Der Schweizer hat zu den Szenen klare Meinungen.
Das Interview führte Malte Ahrens
Bundesliga-Fans haben in den vergangenen Wochen ziemlich oft Schiedsrichter und den VAR im Mittelpunkt erlebt. Einige Entscheidungen waren dabei falsch oder sehr kritisch bewertet worden.
So gab Patrick Ittrich zum Beispiel zu, dass seine Entscheidung im Spiel zwischen Mainz und Augsburg falsch war: "Als ich die Bilder angesehen habe, ist mir schnell bewusst geworden, dass sie nicht zu dem passen, was ich wahrgenommen habe. Da haben wir keine Argumente mehr. Natürlich bin ich überhaupt nicht zufrieden damit."
Auch der VAR schaltete sich in dieser Szene nicht ein. Mit Urs Meier haben wir unter anderem über diese Situation gesprochen. Auch die Rote Karte im Topspiel zwischen Bayern München und Hoffenheim ordnet der Ex-Schiedsrichter im exklusiven ran-Interview ein.
ran: Am letzten Spieltag gab es einige strittige Szenen, die zum Teil auch spielentscheidend waren. Fangen wir der Reihenfolge nach an mit Mainz gegen Augsburg. Beim ersten Elfmeter trifft Elvis Rexhbecaj vermeintlich Stefan Bell und Schiedsrichter Patrick Ittrich zeigt früh auf den Punkt. Nach einem langen VAR-Check blieb der Strafstoß bestehen. Wie bewerten Sie diese Situation?
Urs Meier: "Ich kann nur sagen, dass ich auf den Bildern kein Foulspiel sehe. Sonst hätte man am getroffenen Oberschenkel sicherlich auch etwas gesehen. Das sind für Schiedsrichter auch Indikatoren, falls man etwas sieht. Das war hier nicht so. Das Problem war natürlich, dass man hier sehr lange checkt und der Schiedsrichter in dieser Zeit nicht rausgeht, um sich die Szene währenddessen selbst anzugucken. Dann kann er seine Wahrnehmung mit den TV-Bildern abgleichen. Dann wäre er auch - und das hat er nach dem Spiel zugegeben – zu einem anderen Resultat gekommen."
Meier: "Videoassistenten haben Angst"
ran: Wie kommt so eine unübersichtliche Situation zustande, obwohl man auf den Bildern eindeutig erkennt, dass es keinen Kontakt gegeben hat?
Meier: "Die Problematik vom VAR ist dann, dass Ittrich den Elfmeter gegeben hat und das vermutlich so kommuniziert, dass er es gehört hat oder es eine Berührung gab. Dann sucht der VAR natürlich die Bilder zusammen, die das bestätigen würden. Das ist nicht der Fall gewesen und dann muss er selbst rausgeschickt werden, um es sich anzugucken. Dann wäre die richtige Entscheidung sicherlich kein Elfmeter gewesen. Das Problem ist, dass es so viele Kameraeinstellungen gibt, dass der Kontakt so lange gesucht wird. Da haben die Videoassistenten inzwischen Angst, dass irgendwann ein Bild auftaucht, das sie doch nicht gesehen haben, und das Gegenteil belegt."
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ran: Eine weitere strittige Szene folgte am Sonntag, als Kevin Akpoguma und Luis Diaz bei Bayern gegen Hoffenheim aufeinandertrafen. Dort entschied Tobias Stieler bereits nach 17 Minuten auf Rote Karte und Elfmeter. Ist das aus ihrer Sicht ein Stürmerfoul, oder schließen sie sich der Entscheidung des Unparteiischen an?
Meier: "Ich sage es mal so: Das Beste wäre gewesen, es einfach laufen zu lassen. Beide waren sehr aktiv und man muss dann schauen: Wer war aktiver und wer ist auch vorne? Da geht es grundsätzlich um die Schulter. Wer die vorne hat, hat einen Vorteil. Das musst du als Schiedsrichter sehen in der Situation. Wenn sich das dann schnell ändert, muss es dafür ja einen guten Grund geben. Diaz war hinten und hatte die schlechtere Position. Auf einmal war er vorne. Ich sehe da ein Reißen des Stürmers zuerst und wenn er da Stürmerfoul gibt, ist der Schiedsrichter auf der sicheren Seite. Akpoguma ist natürlich nur in die Situation gekommen, die zum Elfmeter führt, weil er gehalten worden ist und dadurch ins Straucheln kommt. Der VAR hat dann entschieden, dass der Grundsatz einer klaren Fehlentscheidung nicht erfüllt gewesen sei. Aber für mich war es das. Da sollte man sich das Ganze genauer und auch in der Gesamtheit anschauen, ab dem ersten Ziehen an der Schulter von Diaz. Für mich hat das mit Fußballverständnis zu tun, ob man solche Sachen sieht oder nicht."
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Meier: "Schiedsrichter war froh, dass es Abseits war"
ran: Wenn in dieser Situation ein Foul des Defensivspielers gepfiffen wird, ist es dann trotzdem richtig, auch die Rote Karte zu geben, oder sollte man dann nur den Elfmeter geben und es bei Gelb belassen?
Meier: "Das Problem ist, dass, wenn er es so auslegt, auch die Karte ein Muss ist. Man kann hier nicht Elfmeter geben und dann nur Gelb. Das wäre eine Kompromissentscheidung, die nicht gut wäre. Wenn die Schiedsrichter dort eine klare Linie durchziehen, finde ich das gut. Dann weiß man wenigstens, was passiert. Ansonsten könnte ja jeder das machen, wie er meint."
ran: Kurz davor ging es bei Köln gegen Leipzig um das Handspiel von Christoph Baumgartner. Am Ende wurde auf Abseits entschieden, was durch Frank Willenborg über aktiv oder passiv am Monitor bestätigt werden musste. Wie erklären sie diese Szene?
Meier: "Grundsätzlich muss das Abseits natürlich geklärt sein. Das ist von der Folge der Aktionen nun mal zuerst geschehen. Die zweite Aktion mit dem Handspiel kommt danach. Jetzt ist die Frage gewesen, ob es aktives oder passives Abseits war, und im Nachgang war der Schiedsrichter sicherlich froh, dass es aktiv war. Wäre das nicht so gewesen, hätte es für das Handspiel konsequent Elfmeter und Rot geben müssen. Anders, als es angezeigt wurde, war der Ball sicherlich nicht auf der Brust, sondern am Arm. Das Bild kann im Moment natürlich täuschen und ich bin mir sicher, dass der Schiedsrichter den Ball wirklich an der Brust gesehen hat. Ich bin mir sicher, dass sich bei passivem Abseits der VAR dann gemeldet hätte und darauf hingewiesen hätte, dass der Ball am Arm und nicht an der Brust war."
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Meier über VAR-Statistik: "Das ist einfach nicht richtig"
ran: Zum Abschluss noch eine allgemeine Frage zum VAR. Bis zur Winterpause wurde dem VAR eine positive Tendenz ausgestellt für die laufende Saison. Jetzt hatten wir zwei Spieltage nach der Pause nacheinander mit vielen umstrittenen Situationen und Entscheidungen. Wirft das den gesamten VAR wieder zurück und zieht die Tendenz wieder ins Negative?
Meier: "Ich glaube, dass es zwar positive Momente gab, aber immer noch nicht alles gut lief. Ich frage mich immer wieder, ob die Korrekturen, die der VAR vornimmt, nicht schon auf dem Feld hätten gesehen werden müssen. Das ist allerdings eine grundsätzliche Frage. Ich denke, wir müssen die Schiedsrichter wieder besser machen und sie müssen mehr Fußballverständnis an die Hand bekommen, dass sie dann auch auf dem Platz umsetzen können. Das ist das A und O. Wenn wir mehr richtige Entscheidungen auf dem Spielfeld haben, dann gibt es grundsätzlich auch weniger Probleme mit dem VAR."
"Die Diskussionen sind nach den letzten zwei Wochen natürlich wieder extrem geworden. Man muss dazu aber sagen, dass wir knapp acht Jahre den VAR haben und immer noch überall, nicht nur in Deutschland, Probleme mit ihm. Es gibt viele Befürworter des VAR, die heute sehr ernüchtert sind, wie er sich entwickelt hat. Das liegt nicht an der Technik, sondern an den Leuten, die sie bedienen. Der DFB gibt dann wieder eine Statistik raus, '80 oder 90 Prozent der Eingriffe waren korrekt.' Aber ich frage mich, warum wir überhaupt so viele Eingriffe haben. Ich hätte es lieber, wenn wir den VAR nicht brauchen und wir wieder richtige Entscheidungen auf dem Spielfeld treffen. Wenn das Spielverständnis allerdings fehlt, dann sehen die Schiedsrichter einfach weniger."
ran: Können Sie das an einem Beispiel konkreter machen?
Meier: "Beim Fall Diaz sollte so die erste Reaktion sein, dass er gehalten hat. Wenn das auf dem Feld nicht gesehen wird, kann sich der VAR melden und darauf hinweisen. So war es falsch. Auch die Rote Karte für den Freiburger gegen Bremen ist für mich verhinderbar. Aytekin hat in dem Fall das richtige Verständnis auf dem Feld gezeigt und Gelb gezogen. Da hat der VAR keinen guten Job gemacht und wieder beim dritten Mal Schauen mit dem Trefferbild argumentiert. Das trifft gar nicht auf die Situation auf dem Feld zu, weil der Bremer einfach wegrutscht."
"Das wird in der Statistik jetzt als positiv eingetragen, weil der VAR den Schiedsrichter auf das harte Trefferbild aufmerksam gemacht hat. Und dann haben wir auch so tolle Statistiken mit 80 Prozent, obwohl viele Entscheidungen weiterhin auch vom VAR falsch bewertet werden. Das ist einfach nicht richtig."
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