BUNDESLIGA
FC Bayern vs. Borussia Mönchengladbach - Jörg Stiel: "Zur Not geht man mit Eugen Polanski in die 2. Liga"
- Veröffentlicht: 05.03.2026
- 10:54 Uhr
- Andreas Reiners
Borussia Mönchengladbach steckt vor dem Gastspiel beim FC Bayern im Abstiegskampf. Jörg Stiel spricht im ran-Interview über die Situation der Borussia, die Chancen in München und die Wochen der Wahrheit.
Das Interview führte Andreas Reiners
Jörg Stiel kann die Diskussionen um Eugen Polanski nicht mehr hören.
Nach dem 1:0 von Borussia Mönchengladbach gegen Union Berlin sind sie leiser geworden. Aber jetzt müssen die Gladbacher am Freitag (ab 20:30 Uhr im Liveticker) zum Auftakt des 25. Bundesliga-Spieltags zu den dominanten Bayern. Und dann kommen für die abstiegsbedrohte Borussia die Wochen der Wahrheit gegen direkte Konkurrenten.
Doch eine Trainer-Diskussion?
Stiel hält das "für total langweilig. Du kannst den Trainer hundertmal wechseln, das löst aber das Grundproblem nicht", sagte der frühere Gladbacher Torhüter im ran-Interview. "Nach ein paar Siegen zu sagen: 'Das ist unser Mann', und nach einer sieglosen Serie sofort alles infrage zu stellen, das wäre eine Bankrotterklärung."
Deshalb ist für Stiel für den Worst Case klar: "Zur Not geht man mit Polanski in die 2. Liga." Genauso klar ist für den Schweizer aber auch, dass Gladbach "nicht in die 2. Liga" geht, "da gibt es andere Kandidaten".
Im Interview spricht der 58-Jährige zudem über die Situation der Borussia, die Chancen in München und die Wochen der Wahrheit.
Jörg Stiel zu Gladbach: "Die Sorge ist da"
ran: Jörg Stiel, wie sehr sorgen Sie sich um die Borussia?
Jörg Stiel: Die Sorge ist da, keine Frage. Aber sie ist jetzt auch nicht panisch. Wenn man sich anschaut, wer da unten alles mit drinsteckt – Heidenheim, St. Pauli, Wolfsburg – da gibt es einige Teams, die ebenfalls kämpfen. Bei Wolfsburg würde ich mir im Moment ehrlich gesagt größere Sorgen machen. Und man darf eines nicht vergessen: Drei Punkte Vorsprung hören sich wenig an. Aber diese drei Punkte musst du erst einmal holen. Ich habe selbst lange genug im Abstiegskampf gespielt, um zu wissen, wie schwer das ist. Gleichzeitig muss man auch realistisch sagen: Nach dem Saisonverlauf konnte doch niemand ernsthaft erwarten, dass man am Ende locker zwischen Platz acht und zwölf einläuft. Dass das eine schwierige Spielzeit wird, war relativ früh erkennbar.
ran: Was sind die Gründe für den sportlichen Absturz?
Stiel: Ein Trainerwechsel ist immer ein Einschnitt. Ein neuer Coach bringt neue Ideen, neue Abläufe, andere Schwerpunkte. Das kann kurzfristig stabilisieren. Und genau da sehe ich aktuell das Problem. Die Mannschaft ist offensiv sehr abhängig von Haris Tabakovic. Franck Honorat war zwischenzeitlich verletzt, und vor allem fehlt Tim Kleindienst extrem. Er hat schon in der vergangenen Saison mit seiner Spielweise enorm viel bewirkt. Seine direkten Anlaufwege auf die Innenverteidiger, sein permanenter Druck gegen den Ball – das hat Gegner beschäftigt und Räume geöffnet. Diese Präsenz fehlt jetzt.
ran: Und ohne ihn ist man offensiv leicht auszurechnen…
Stiel: Wenn sich ein Offensivspiel auf ein oder zwei Schultern verteilt, ist das ein bisschen wenig. Genau das sieht man im Moment. Deshalb wäre die Mannschaft gut beraten – ohne dass ich mich hier als Berater aufspiele –, sich wieder stärker über defensive Stabilität zu definieren. Weniger Gegentore, klare Umschaltmomente, mehr Kompaktheit. Und dann sind da noch die Nebengeräusche wie Gerüchte um Rocco Reitz und einen möglichen Wechsel nach Leipzig.
ran: Ist die Kapitänsbinde für Reitz eine zu große Belastung?
Stiel: Reitz ist jung, ein sehr guter Typ, bringt viel mit, das sieht man auf dem Platz. Aber Konstanz auf diesem Niveau zu bestätigen, ist ohnehin schwer. Wenn dann noch Wechselgerüchte dazukommen und du plötzlich die Kapitänsbinde trägst, ist das eine enorme zusätzliche Belastung. Ich würde jemanden wie Nico Elvedi – auch wenn er kein Lautsprecher ist – mit seiner Erfahrung eher in so einer Rolle sehen.
ran: Fehlen der Borussia Führungsspieler?
Stiel: "Es fehlen Führungsspieler" – das ist schnell gesagt. Aber Fußball funktioniert oft über ein funktionierendes Kollektiv. Ich sehe gerade ein Beispiel in der Schweiz: Der FC Thun ist aus der zweiten Liga aufgestiegen und spielt eine Saison, die ein bisschen an das erinnert, was Kaiserslautern damals geschafft hat. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sie direkt nach dem Aufstieg Meister. Und das ohne große Namen, ohne überragende Einzelspieler. Aber sie sind zusammengeblieben, haben sich entwickelt, der Trainer ist geblieben. Das Problem liegt aus meiner Sicht deshalb woanders: Es fehlt in Gladbach die Konstanz. Wenn du permanent rotieren musst, weil immer jemand fehlt, ist es extrem schwer, Automatismen zu entwickeln. Und das macht es auch für den Trainer kompliziert, wirklich etwas Nachhaltiges aufzubauen.
Stiel: Richtung in Gladbach stimmt
ran: Was müsste sich generell rund um den Klub ändern? Oder ist die Richtung mit Rouven Schröder und Eugen Polanski die richtige?
Stiel: Die Richtung stimmt. Die Verpflichtung von Rouven Schröder war aus meiner Sicht überragend. Er wirkt klar in seiner Linie, und man hat schon bei den Wintertransfers gesehen, dass er dem Klub seine Handschrift gibt. Auch Eugen Polanski halte ich für eine gute Lösung. Jetzt geht es darum, Konstanz reinzubringen. Die Borussia muss aus dieser schwierigen Phase einigermaßen schlank rauskommen und sich wieder so stabilisieren, dass man eine Mannschaft formt, die im gesicherten Bundesliga-Mittelfeld problemlos bestehen kann. Es war in den letzten Jahren ein Umbruch. Und so etwas spürt man länger, als viele glauben.
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ran: Unter Polanski gab es im Herbst eine starke Phase, zuletzt gab es aber nach sieben Spielen ohne Sieg wieder eine Diskussion…
Stiel: Die Diskussion um Polanski halte ich für total langweilig. Du kannst den Trainer hundertmal wechseln, das löst aber das Grundproblem nicht. Er bringt eine klare, dynamische Art mit. Er ist weit genug von seiner Spielerzeit entfernt, um professionell Distanz zu wahren, aber nah genug dran, um die Mannschaft zu erreichen. Nach ein paar Siegen zu sagen: "Das ist unser Mann", und nach einer sieglosen Serie sofort alles infrage zu stellen, das wäre eine Bankrotterklärung. Wie soll da Vertrauen und Nachhaltigkeit entstehen?
ran: Dann also einfach durchziehen und zur Not im Worst Case auch mit Polanski in die 2. Liga gehen?
Stiel: Ja, zur Not geht man mit Polanski in die 2. Liga. Aber Gladbach geht nicht in die 2. Liga. Da gibt es andere Kandidaten. Und selbst wenn – rein hypothetisch – die Relegation ein Thema würde: Auch da sehe ich nicht, dass Gladbach absteigt, wenn man verfolgt, wie es in der 2. Liga läuft. Konstanz entsteht nicht durch permanente Korrekturen, sondern dadurch, dass man an einer als richtig erkannten Entscheidung festhält und die auch durchzieht.
ran: Wie sehen Sie Polanski in seiner Entwicklung als Cheftrainer?
Stiel: Was mir an ihm gefällt, ist seine ruhige, sachliche Art. Er kommuniziert klar, ohne Polemik. Er weiß, was er will. Er führt. Er verliert sich nicht in Ausreden oder Nebenschauplätzen, sondern bleibt beim Sportlichen. Er bezieht sich auf das, was auf dem Platz passiert, arbeitet mit seiner Mannschaft, und genau das ist seine Kernaufgabe. Er wirkt nüchtern, aber nicht emotionslos. Für mich bringt er das Potenzial mit, einen guten Weg zu gehen – vorausgesetzt, man gibt ihm die Zeit dafür.
Gladbachs Sieg gegen Union als Wendepunkt?
ran: Jetzt gab es das 1:0 gegen Union Berlin. Was kann so ein Last-Minute-Sieg bei den Spielern auslösen?
Stiel: Es kann ein Auslöser sein. Es muss keiner sein. Das nächste Spiel beginnt wieder bei null, und das Selbstvertrauen musst du dir erarbeiten. Wenn sie jetzt noch zwei, drei Spiele in ähnlicher Manier ziehen – gerade zu Hause – dann kann man sagen: Das war der Wendepunkt. Im Moment waren es einfach extrem wichtige drei Punkte. Mehr nicht. Die direkten Konkurrenten kommen noch. Und gegen diese Mannschaften musst du liefern.
ran: Einen Sieg in München kann man nicht unbedingt einplanen. Kommen die Bayern jetzt zum falschen Zeitpunkt?
Stiel: Das ist egal. Bayern ist immer speziell, gerade aus Gladbacher Sicht. Und mal ehrlich: Augsburg ist auch nicht als Favorit nach München gefahren und hat dort gewonnen. Für Gladbach kann das Spiel sogar passen. Du kannst dich auf defensive Stabilität konzentrieren und auf Umschaltmomente hoffen. In der aktuellen Situation wäre es falsch, offen mitzuspielen. Bayern ist verwundbar. Nicht häufig, aber sie sind es. Das kann eine positive Geschichte werden, wenn man es richtig angeht. Trotzdem: Gladbach ist klarer Außenseiter. Aber genau das kann auch befreiend wirken. Du kannst dort im Grunde nichts verlieren, nur gewinnen.
ran: Spielt der Bayern-Sieg in Dortmund der Borussia in die Karten, weil der Vorsprung jetzt elf Punkte beträgt?
Stiel: Das spielt für Bayern keine Rolle. Die Dortmunder waren zwischenzeitlich näher dran, jetzt haben die Münchner wieder für klare Verhältnisse gesorgt. Und die werden jetzt nicht nachlassen.
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ran: Nach dem Bayern-Spiel kommen die Wochen der Wahrheit mit Heimspielen gegen direkte Konkurrenten. Sehen Sie Gladbach dafür gerüstet?
Stiel: Die Qualität des Kaders ist nicht überragend, aber sie ist gut genug. Im Kollektiv kann das funktionieren. Gegen Bayern kannst du etwas Außergewöhnliches schaffen, vielleicht einen Punkt mitnehmen. Dann kommen die entscheidenden Spiele. Das ist klassischer Abstiegskampf. Aber das kann auch richtig Spaß machen. Wichtig wird sein, dass sie zu Hause defensiv stabil stehen – idealerweise wieder zu null spielen. Wenn dir das gelingt, kannst du dich relativ schnell aus der gefährlichen Zone lösen.
ran: Wo landet die Borussia am Ende?
Stiel: Im Moment ist die konkrete Platzierung zweitrangig. Wenn man dir jetzt garantieren würde: "Platz 14, Klassenerhalt, Haken dran" – das würde in Gladbach jeder sofort unterschreiben. Gerade mit Blick auf diese komplizierte Spielzeit.
Frage: Wie groß sollte der Umbruch im Sommer ausfallen?
Stiel: Ich glaube nicht, dass es ein radikaler Umbruch sein muss. Es geht eher um gezielte Korrekturen. In jeder Linie ein Spieler mit Erfahrung – das wäre sinnvoll. Eine stabile Achse. Im Mittelfeld noch einen holen, und offensiv brauchst du Entlastung. Der Ausfall von Kleindienst tut weh. Da muss man reagieren. Klar ist: In der Offensive brauchst du mehr Breite und weniger Abhängigkeit. Und natürlich ist es einfacher, solche Profile zu bekommen, wenn du in der Bundesliga bleibst.
FC Bayern: Werden hier die Fans attackiert?
ran: Einer der Leistungsträger in Gladbach ist Moritz Nicolas. Ist er ein Kandidat für die Nationalmannschaft?
Stiel: Warum nicht? Was bei ihm auffällt, ist seine Konstanz. Du hörst wenig von ihm – im positiven Sinne. Kaum Fehler, kaum unnötige Aktionen, dafür immer wieder starke Paraden in entscheidenden Momenten. Diese Verlässlichkeit beeindruckt mich. Wenn man sich die aktuelle Torhüter-Situation in Deutschland anschaut, dann kann er eine Option für eine Rolle hinter Oliver Baumann sein.
ran: Was zeichnet ihn aus?
Stiel: Seine Ruhe. Er ist kein spektakulärer Torhüter, und genau das gefällt mir. Er ist ein starker Rückhalt. Sehr ruhig, sehr klar in seinen Aktionen, sehr effektiv. Man sieht bei ihm selten Situationen, in denen man denkt: "Das hätte er anders lösen müssen." Für die Mannschaft ist das enorm wichtig. Gerade in einer wackligen Saison brauchst du hinten jemanden, der Sicherheit ausstrahlt. Und das tut er.
"Geschichte von ter Stegen ist zum Weinen"
ran: Wie bitter ist die Situation für Marc-Andre ter Stegen? Gehört das einfach zum Geschäft?
Stiel: Die Geschichte von ter Stegen ist zum Weinen. Er hat über Jahre auf höchstem Niveau gehalten. In der Nationalmannschaft war er lange die klare Nummer zwei hinter Manuel Neuer – was absolut nachvollziehbar war. Dann beendet Neuer seine DFB-Karriere, ter Stegen bekommt endlich die Perspektive auf die klare Nummer eins, und dann kommen diese schweren Verletzungen. Dazu die komplizierte Situation beim FC Barcelona. Aus der Distanz betrachtet hätte er schon im Sommer diesen Schritt machen und weggehen sollen, um Spielpraxis zu bekommen. Am Ende bleibt es einfach unsäglich bitter. Aber so hart das klingt: Es gehört zum Geschäft.
ran: Wie geht man als Torhüter mit so einer Situation um? Gibt es da ein Patentrezept?
Stiel: Der erste Schritt ist ganz banal: gesund werden. Bei Muskelverletzungen lässt sich das nicht beschleunigen. Du kannst dich auf den Kopf stellen, der Heilungsprozess geht nicht schneller. Das Entscheidende ist Geduld, denn das Einzige, das er machen kann, ist an seiner Reha zu arbeiten, die Ruhe zu haben, sich auch die Zeit zu geben, damit er richtig gesund wird. Wenn es zeitlich mit der WM passt: perfekt. Wenn nicht, dann nicht. Aber er darf sich nicht verrückt machen, denn Schnellschüsse können verheerende Folgen haben, wenn du zu früh anfängst nach Muskelverletzungen.
ran: Glauben Sie, dass ter Stegen nochmal zurückkommt, auch im Hinblick auf die Nationalmannschaft?
Stiel: Ja, davon gehe ich aus. Er hat den Ehrgeiz, in der Nationalmannschaft noch Spuren zu hinterlassen. Mit 33 ist ein Torhüter nicht am Ende. Wenn ter Stegen fit ist und regelmäßig spielt, hat er sportlich absolut die Berechtigung, die Nummer eins in Deutschland zu sein.