Internationaler fussball
Real Madrid: Xabi Alonso trägt keine Schuld - das sind die wahren Gründe für die königliche Misere
- Veröffentlicht: 15.01.2026
- 23:03 Uhr
- Dominik Hager
Real Madrid möchte nach dem Aus von Trainer Xabi Alonso zurück in die Erfolgsspur. Doch kann das überhaupt funktionieren oder sind die Probleme an ganz anderen Stellen begraben? ran analysiert die Situation.
Von Dominik Hager
2014, 2016, 2017, 2018, 2022, 2024! Sechs Champions-League-Titel in elf Jahren sind eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht aber für Real Madrid, die in den letzten Jahren das absolute Nonplusultra in der Königsklasse waren.
Die Erfolge waren nicht immer schön, nicht immer einfach und vielleicht auch nicht immer verdient, ganz sicher aber auch kein Zufall. Die Madrilenen haben eine ungeheure Aura und Sieger-Mentalität verkörpert. Immer, wenn die Champions-League-Hymne ertönte, konnte man sich sicher sein, dass dieses Team zu 100 Prozent da ist.
An diesen Maßstäben wurde auch Xabi Alonso gemessen, der seinen Traumjob als Real-Trainer nach nur einem halben Jahr wieder verloren hat. Dabei darf man aber keineswegs vergessen, dass sich auch Erfolgs-Coach Carlo Ancelotti zum Ende seiner Amtszeit schwer tat.
Die Königlichen hatten im Kampf um die Meisterschaft klar das Nachsehen gegen Barcelona und verloren im CL-Viertelfinale beide Partien gegen Arsenal (0:3 und 1:2).
Die bittere Wahrheit: Real Madrid ist nicht mehr Real Madrid - jedenfalls nicht mehr das Real der letzten Jahre. Die Schuld daran trägt nicht etwa Xabi Alonso. Zu umfangreich sind die Probleme, mit denen sich die Blancos herumschlagen.
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Es fehlt ein echter Abwehr-Leader
Zu Zeiten eines Sergio Ramos war den gegnerischen Stürmern schon im Vorfeld klar, dass jedes Duell mit dieser Abwehr-Kante äußerst schmerzhaft werden würde. Ramos war oft am Rande der Legalität unterwegs und sicherlich keiner für einen Fairplay-Preis, aber er war eine Leader-Figur und ein absoluter Erfolgsgarant.
Ein Spieler mit Real-DNA, Ausstrahlung und Aura. Gemeinsam mit Raphael Varane hat er eines der stärksten Innenverteidiger-Duos der Klubgeschichte gebildet.
Zwar konnten Antonio Rüdiger, Eder Militao und David Alaba im Wesentlichen in die Fußstapfen von Ramos und Varane treten, jedoch kamen bei allen dreien zu viele Verletzungen dazwischen. Aktuell kann das Trio dem Klub nicht helfen, weshalb die neue Generation mit Dean Huijsen und Raúl Asencio gefordert ist.
Insbesondere Huijsen verfügt über ein enormes Talent, jedoch ist er noch lange keine gefürchtete Abwehr-Erscheinung, wie es Ramos oder Rüdiger waren. Vielmehr bräuchte der Youngster einen gestandenen und erfahrenen Abwehr-Star neben sich. Es bleibt aber abzuwarten, ob Rüdiger oder Militao nochmal auf Top-Niveau zurückkehren können.
Es ist kein Wunder, dass zuletzt Abwehr-Stars wie Marc Guéhi, Dayot Upamecano und Ibrahima Konaté gehandelt wurden. Alle drei wären gewaltige Verstärkungen.
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Keine Kontinuität auf den Außenverteidiger-Positionen
Die Außenverteidiger-Position wird oft als nicht ganz so wichtig angesehen, jedoch ist das eigentlich ein Trugschluss. Insbesondere Marcelo hatte als Linksverteidiger einen enormen Anteil an den großen Erfolgen der Madrilenen. Dani Carvajal war vielleicht nicht ganz so auffällig, unbestritten aber einer der besten Rechtsverteidiger der Welt.
Während Marcelo schon länger nicht mehr bei Real ist, hat Cavarjal schwere Verletzungen hinter sich und kommt nicht mehr an sein früheres Niveau heran. Mit Trent Alexander-Arnold haben die Königlichen zwar einen potenziellen Weltklassemann verpflichtet, jedoch hat sich auch dieser schwer verletzt.
Ferland Mendy hat nie die absolute Top-Klasse verkörpert und ist ebenfalls enorm verletzungsanfällig. Bliebe als gelernter Außenverteidiger noch Fran García, der aber ebenfalls kein Weltklassespieler ist.
In den letzten Monaten und Jahren kamen folgerichtig auch immer wieder gelernte Mittelfeldspieler wie Eduardo Camavinga und Federico Valverde in der Außenverteidigung zum Einsatz.
Kontinuität sucht man seit einiger Zeit vergeblich.
Fehlende Spielstärke und unklare Rollenverteilung im Mittelfeld
Das Trio Casemiro, Toni Kroos und Luka Modric wurde nicht umsonst als magisches Dreieck betitelt. So herausragend stark war das Mittelfeld unter anderem deswegen, weil es sich perfekt ergänzt hat und die Rollenverteilung absolut klar war.
Casemiro war der Mann für das Grobe, der den beiden spielstarken Partnern den Rücken freihalten sollte. Fungierte Kroos eher als statischer Ballverteiler und Taktgeber im Mittelfeld, war Modric das dynamische Gegenstück und auch mal offensiver unterwegs, wo er mit seiner unglaublichen Technik Akzente setzte.
Heute fehlt es insbesondere an der Spielstärke, die Kroos und Modric verkörpert haben. Es gibt keinen wirklichen Denker und Lenker, der die Fäden zieht und dem Spiel Struktur und Ordnung verleiht. Die meisten Real-Mittelfeldspieler kommen eher über ihre enorme Athletik und Dynamik, wie beispielsweise Aurélien Tchouaméni, Jude Bellingham und Federico Valverde.
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Zwar kann auch hier grob betrachtet Tchouaméni als Sechser, Valverde als Achter und Bellingham als Zehner angesehen werden, jedoch sind sich die drei Akteure vom Spielertyp viel ähnlicher als das magische Trio von damals.
Insbesondere Bellingham scheint nach seinem ersten Jahr, in dem er sehr offensiv agierte, nicht so ganz seine Rolle gefunden zu haben. Inzwischen spielt ja auch ein gewisser Arda Güler eine Rolle, der ein ganz anderer Zehner-Typ ist. Bellingham muss dann zurückgezogen agieren, jedoch kommt er auf diese Weise Valverde in die Quere.
Früher war das Real-Mittelfeld ein perfektes Puzzle, heute scheinen - bei all der individuellen Klasse - manche Teile gar nicht und andere doppelt vorhanden zu sein.
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Zu viel Individualismus und Egoismus in der Offensive
Zugegeben, Individualisten hatte Real Madrid auch zu seinen größten Zeiten in der Offensive. Auch ein Cristiano Ronaldo hatte gewisse Allüren und war kein Spieler, der sonderlich aktiv in der Defensive gearbeitet hat. Karim Benzema war zwar fußballerisch überragend, aber ebenfalls kein einfacher Typ.
Man kann aber eben zwei solche Individualisten haben, wenn das Konstrukt im Ganzen stimmig ist. Dies ist bei Real aktuell aber nicht mehr in dem Maße gegeben.
Vinicius Junior, Kylian Mbappé und selbst Rodrygo zählen fußballerisch zur absoluten Extraklasse, jedoch haben sie eben auch alle ihren eigenen Kopf. Das Zusammenspiel ist nicht in der Form gegeben, wie es die Offensivreihen von Bayern, PSG oder Barca vormachen. Vielmehr sind egoistische Aktionen zu sehen, die im Mannschaftssport einfach nicht vertretbar sind.
Hinzu kommt eben, dass sie alle defensiv nicht wirklich die nötigen Meter machen. Das Real Madrid von vor zehn Jahren konnte das kompensieren, das heutige Real nicht mehr.
Keine Teamchemie erkennbar
Egal ob Sergio Ramos, Casemiro, Cristiano Ronaldo oder Karim Benzema - sie alle waren keine einfachen Typen. Sie alle wurden jedoch von einem ungeheuren Erfolgswillen angetrieben. Alleine dieser verbot es ihnen, Dinge zu tun, die dem Mannschaftsklima nachhaltig Schaden zufügen würden.
Auseinandersetzungen untereinander oder mit dem Trainer scheint es kaum gegeben zu haben. Letztlich haben alle Profis für den Erfolg gelebt, so unterschiedlich sie vom Charakter auch gewesen sein mögen.
Genau das ist inzwischen anders. Vinicius Junior, Kylian Mbappé, Jude Bellingham und Co. sind immer wieder mit negativer Körpersprache auffällig geworden und sollen Xabi Alonso nicht den nötigen Respekt entgegengebracht haben.
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Aus einer Kultur des Erfolges ist eine Kultur des Meckerns, des Egoismus und der Aufmüpfigkeit neben dem Platz geworden. Die Teamchemie bei den Madrilenen scheint enorm darunter gelitten zu haben. So kann weniger von einer Einheit, sondern vielmehr von mehreren Lagern gesprochen werden.
Ohnehin scheint ein weiser Anführer zu fehlen, der auch mal Tacheles spricht, wenn einer aus der Reihe tanzt.
Dass die ganz großen Erfolge auf diese Weise nicht zu erringen sind, dürfte ziemlich klar sein, selbst wenn die Ausgangslage in La Liga und der Champions League es noch zulassen würde. Es gibt eben auch Teams wie den FC Bayern, bei dem alle Spieler und Trainer Vincent Kompany eine absolut harmonische Einheit bilden.
Man darf bezweifeln, dass Alvaro Arbeloa all diese Probleme mal so im Vorbeigehen beheben kann.