Motorsport
Formel 1: Mercedes auf Wolke sieben, Ferrari wirft den Sieg weg - Gewinner und Verlierer des Saisonauftakts
- Veröffentlicht: 08.03.2026
- 13:00 Uhr
- Chris Lugert
Das erste Rennen der Formel-1-Saison 2026 ist vorüber. Während George Russell jubelt, herrscht woanders Frust. ran schaut auf die Gewinner und Verlierer des Saisonauftakts.
Von Chris Lugert
Ein neues Kapitel in der langen Geschichte der Formel 1 hat begonnen.
Mit dem Großen Preis von Australien startete die Rennserie in die neue Motoren-Ära, ab sofort geht es mehr um Energiemanagement als um klassisches Racing. Und erste Anhaltspunkte für den weiteren Saisonverlauf stehen ebenfalls fest.
So bestätigte Mercedes seine Favoritenrolle, die sich bereits im Verlauf der Testfahrten angedeutet hatte. George Russell und Kimi Antonelli feierten in Melbourne einen Doppelsieg, während Weltmeister Lando Norris und Max Verstappen mit dem Podium nichts zu tun hatten.
Wer reist sonst noch mit einem Hochgefühl aus Australien ab? Und bei wem herrschen vor dem kommenden Rennwochenende in China massive Kopfschmerzen vor?
ran schaut sich die Gewinner und Verlierer des ersten Saisonrennens an.
Gewinner: George Russell
Die Buchmacher sahen ihn bereits vor dem ersten Training in Australien als größten WM-Favoriten, mit seinem Auftritt im Albert Park hat George Russell diese Vorschusslorbeeren eindrucksvoll gerechtfertigt. Der Brite raste am Samstag souverän zur Pole und setzte sich auch im Rennen letztlich ungefährdet durch.
Es war der sechste Grand-Prix-Sieg für den 28-Jährigen und ein Fingerzeig, wohin die Saison laufen könnte. Entsprechend ist es keine Überraschung, dass sich Russell der zahlreichen und lauten Kritik seiner Kollegen am neuen Reglement nicht anschloss. Er scheint der größte Profiteur zu sein.
"Sehr schön, sehr schöööön, ich mag dieses Auto, ich mag diesen Motor", funkte Russell nach der Zieldurchfahrt zu seinem Renningenieur. 2026 könnte das Jahr sein, in dem der hochbegabte, aber lange glücklose Brite tatsächlich mehr als nur ein kleines Wörtchen um den WM-Pokal mitredet. Russell ist derzeit derjenige, den es zu schlagen gilt.
Gewinner: Mercedes
Dass Russell ab sofort auch offiziell der Topfavorit auf den WM-Titel ist, liegt zum großen Teil an seinem Team. Wie bereits 2014, als die Hybrid-Ära in der Formel 1 begann, hat sich Mercedes am besten auf das neue Reglement vorbereitet und ist derzeit die stärkste Kraft im Feld.
Bereits im Qualifying fuhren die "Silberpfeile" Kreise um die Konkurrenz, wenngleich Russell betonte, dass der deutlich knappere Abstand am Sonntag eher repräsentativ sei. "Wir hatten vielleicht einen Vorsprung von ein oder zwei Zehnteln - aber nicht die sieben Zehntel, die wir gestern gesehen haben", sagte Russell.
Dass sein Teamkollege Kimi Antonelli trotz eines schlechteren Starts am Ende Zweiter wurde, unterstreicht aber die Vormachtstellung, die Mercedes aktuell innehat. Allerdings, so heißt es im Paddock, profitiere Mercedes auch von einem Regelschlupfloch, das vom Team clever ausgenutzt wurde.
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Einfach ausgedrückt geht es um das Verdichtungsverhältnis der Power Unit, das einen bestimmten Wert nicht überschreiten darf. Allerdings wird das Verhältnis derzeit im kalten Zustand des Motors gemessen.
Es besteht jedoch der Verdacht, dass bei Mercedes während des Betriebs ein höherer Wert erreicht wird. Erst ab Juni wird das Messverfahren auch auf den heißen Motor angewandt. Spätestens dann wird man wissen, ob Mercedes einen diskutablen Vorteil hatte - oder das Paket schlicht den anderen überlegen ist.
Gewinner: Arvid Lindblad
Junge Fahrer aus den Nachwuchsserien haben es schon seit Jahren schwer, ein Cockpit in der Formel 1 zu finden. In dieser Saison ist Arvid Lindblad der einzige Rookie im Feld. Dass der 18-Jährige Talent besitzt, war für Kenner der Szene keine Überraschung. Sein Auftritt in Australien aber übertraf alle Erwartungen.
Der Brite mit indischen und schwedischen Wurzeln fuhr für die Racing Bulls wie ein alter Hase und schaffte direkt den Sprung in die Top 10 des Qualifyings. Auch am Sonntag zeigte er eine starke Leistung. Der Lohn: Als Achter im Rennen sammelte Lindblad gleich bei seinem Debüt die ersten Punkte.
"Ich glaube nicht, dass ich dieses Wochenende wirklich Fehler gemacht habe. Ich denke, ich habe das Auto in fast jeder Session optimal genutzt", sagte der Youngster, der nach einem Raketenstart zwischenzeitlich sogar auf Platz drei lag. Der Absolvent des Red-Bull-Juniorteams dürfte noch häufiger von sich reden machen.
Gewinner: Oliver Bearman
Im Vergleich zu Lindblad ist der ebenfalls noch junge Oliver Bearman schon fast ein alter Hase in der Formel 1, der 20 Jahre alte Haas-Pilot startete in Australien in seine zweite volle Saison in der Königsklasse. Und einmal mehr machte er seinem Ruf als kompromissloser Überholmeister alle Ehre.
Im Qualifying setzte er sich knapp gegen seinen Teamkollegen Esteban Ocon durch, Startplatz zwölf sollte für den Briten aber nur der Ausgangspunkt für eine starke Aufholjagd sein. Bearman kam schließlich als Siebter ins Ziel und führte damit das Mittelfeld hinter den vier Topteams an.
Nicht umsonst gilt Bearman, der eng mit Ferrari verbandelt ist, als potenzieller Nachfolger von Lewis Hamilton, sollte der siebenmalige Weltmeister sein Cockpit bei der Scuderia mittelfristig räumen. Leistungen wie in Australien werden seine Aktien in Maranello weiter steigen lassen.
Gewinner: Gabriel Bortoleto
Für den deutschen Hersteller Audi gab es ebenfalls Grund zum Jubeln, im ersten Rennen als offizielles Werksteam holte Gabriel Bortoleto Platz neun und damit zwei Punkte für die Ingolstädter. Der Brasilianer unterstrich damit seine sukzessive Entwicklung, die sich bereits im Vorjahr abgezeichnet hatte.
Während Teamkollege Nico Hülkenberg in der Außendarstellung der Leader bei Audi ist, könnte die Luft für den Deutschen im teaminternen Duell recht schnell dünn werden. Allerdings hatte Hülkenberg in Melbourne Pech: Ein technisches Problem kurz vor dem Start verhinderte seine Teilnahme am Rennen.
Doch schon im Qualifying war Bortoleto der Bessere, er schnappte Hülkenberg den Platz in Q3 weg. In diesem konnte er aber nicht mitwirken, weil am Samstag sein Auto den Dienst quittierte. Dass Audi mit dem völlig neuen Motor im Mittelfeld mitkämpfen kann, dürfte die wichtigste Erkenntnis für das Team sein.
Gewinner: Moderne F1-Fans
Die Formel 1 hat durch das Reglement einen neuen Anstrich bekommen, der vor allem den modernen Zeitgeist zum Ausdruck bringen soll. Fokus auf Nachhaltigkeit und Energieeffizienz, gleichzeitig ein cleverer taktischer Einsatz des Elektromotors für Überholmanöver.
Gerade das junge Publikum dürfte diesen Schritt begrüßen, und genau diese Zielgruppe will die Formel 1 auch zunehmend ansprechen. Das Rennen in Australien war zweifellos unterhaltsam, es gab viele Positionswechsel. Ob das wirklich Racing war oder doch eher Mario Kart, wird den Netflix-Fans recht egal sein.
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Verlierer: Ferrari
Die Plätze drei und vier im Rennen, klare zweite Kraft hinter Mercedes - ist Ferrari wirklich ein Verlierer von Australien? Ja, weil die Scuderia mal wieder Scuderia-Sachen gemacht hat. Denn nach einer starken Startphase schien sogar der Sieg in Reichweite, ehe mal wieder eine fragwürdige Strategie alle Chancen raubte.
Als das Virtual Safety Car erstmals ausgerufen wurde, entschied sich Ferrari, das zu diesem Zeitpunkt mit Charles Leclerc und Lewis Hamilton auf den Plätzen eins und drei lag, gegen einen Boxenstopp. Mercedes hingegen holte George Russell und Kimi Antonelli gemeinsam an die Box. Als Ferrari später unter normaler Renngeschwindigkeit stoppen musste, zogen die Mercedes-Piloten mühelos vorbei und lagen weit voraus.
Hamilton hatte die Strategie im Cockpit sofort kritisiert, doch warum holte Ferrari nicht wenigstens einen Fahrer rein? "Ich weiß nicht, ob uns eine diversifizierte Strategie geholfen hätte", sagte Teamchef Frederic Vasseur. Seine Erklärung: Man habe nicht damit gerechnet, dass Mercedes nach dem frühen Stopp durchfahren kann. Die Lebensdauer der harten Reifen habe das Team überrascht.
Stattdessen behielt das Team seine eigene Ein-Stopp-Strategie für den geplanten Zeitpunkt bei und ging davon aus, dass Mercedes auch nochmal reinkommen würde. Das erwies sich allerdings als Fehleinschätzung. Doch Ferrari hatte später auch etwas Pech: Bei einer zweiten VSC-Phase wurde die Boxeneinfahrt geschlossen, weshalb Leclerc und Hamilton nicht stoppen konnten.
Verlierer: Max Verstappen
Das Wochenende in Australien dürfte nicht dazu beigetragen haben, Max Verstappens Meinung über das neue Reglement ins Positive zu drehen. Ganz im Gegenteil. Im Qualifying flog er - allerdings wohl schuldlos - mit seinem Boliden ab, weil die Hinterachse beim Anbremsen plötzlich und unvermittelt blockierte.
Die Folge: Verstappen startete nur vom 20. Platz. Der Fahrspaß beim viermaligen Weltmeister war ohnehin schon vorher weg bzw. mit den neuen Autos noch nie wirklich da. Im Rennen arbeitete er sich zwar bis auf den sechsten Platz nach vorne, doch der Musik an der Spitze wäre er wohl auch ohne Unfall im Qualifying hinterhergelaufen.
"Natürlich haben mir die Überholmanöver Spaß gemacht", sagte Verstappen zwar bei "Sky". "Aber ich fahre ja auch gegen Autos, die zwei Sekunden langsamer sind, also ging es für mich einfach darum, durch den Verkehr zu kommen."
Teamkollege Isack Hadjar fuhr zwischenzeitlich in der Spitzengruppe mit, ehe sich sein Antrieb verabschiedete. Womöglich kann Verstappen daraus etwas Motivation ziehen.
Verlierer: Oscar Piastri
Bitterer konnte sein Heimrennen für Oscar Piastri gar nicht laufen. Der McLaren-Pilot flog mit seinem Boliden auf dem Weg in die Startaufstellung in die Mauer, an einen Rennstart war aufgrund der schweren Schäden nicht mehr zu denken. Dabei wäre von Startplatz fünf womöglich etwas Richtung Podium gegangen.
Stattdessen musste der WM-Dritte der Vorsaison vor seinen heimischen Fans einen bitteren Rückschlag hinnehmen. Der Unfall sei das Ergebnis einer "Kombination aus mehreren Faktoren" gewesen. Seine Reifen seien kalt gewesen und er habe den Randstein erwischt, doch auch das Auto habe seltsame Dinge gemacht.
"Ich hatte aber auch 100 Kilowatt mehr Leistung, als ich erwartet hatte", schilderte der Australier - obwohl der 24-Jährige mit weniger Vollgas als im Qualifying unterwegs war. "Aber aufgrund der Art und Weise, wie die Drehmoment-Anforderung funktionieren muss, habe ich tatsächlich 100 Kilowatt mehr Leistung bekommen, als wenn ich Vollgas gegeben hätte."
Verlierer: McLaren
Piastris Unfall mag das Bild bestimmt haben, doch das ganze McLaren-Team war ein Verlierer in Australien. Zweimal in Folge wurde der britische Traditionsrennstall zuletzt Konstrukteurs-Weltmeister, die Trauben hängen entsprechend auf fast schon schwindelerregenden Höhen.
Diesen Erwartungen konnte das Team in Melbourne aber nicht gerecht werden. Stattdessen war McLaren im Vakuum betrachtet sogar nur die Nummer vier im Feld, auch Red Bull machte den stärkeren Eindruck. Lando Norris konnte im Rennen zwar Platz fünf gegen Max Verstappen verteidigen, nach vorne aber ging nichts.
Was deshalb so besorgniserregend ist, weil der Rennstall den gleichen Motor wie das Mercedes-Werksteam zur Verfügung hat. Das Auto muss also gravierende Schwächen haben.
"Wir müssen einen Weg finden, mehr aus dem Antrieb herauszuholen. Und andererseits müssen wir das Auto weiterentwickeln. Es wird einige Rennen dauern, bis wir größere Verbesserungen sehen", sagte Teamchef Andrea Stella. Vom erneuten WM-Kampf scheint McLaren aktuell ganz weit entfernt zu sein.
Verlierer: Aston Martin
Zugegeben, die Erwartungen waren ohnehin nicht hoch bei Aston Martin. Zu klar waren die Probleme schon vor dem ersten Training in Melbourne.
Der neue Honda-Motor verursacht starke Vibrationen, in Australien gingen dem Team auch noch die Batterien aus, weshalb Lance Stroll kaum zum Fahren kam.
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Was als verheißungsvolles Projekt begann, mit dem Ziel, um die WM mitkämpfen zu können, ist aktuell ein einziges Desaster. Kleiner Lichtblick: Aston Martin war nicht völlig abgeschlagen, sondern konnte mit dem hinteren Mittelfeld mithalten. Zumindest, wenn das Auto mal lief.
Immerhin blieben auch die körperlichen Probleme bei Fernando Alonso und Stroll aus, die aufgrund der Vibrationen befürchtet wurden. Beide stellten ihre Autos im Rennen aber dennoch erwartungsgemäß früh ab. Kommende Woche in China könnte es ähnlich laufen. Alonso stellte klar, es sei optimistisch, anzunehmen, das Rennen in Shanghai beenden zu können.
Verlierer: Traditionelle F1-Fans
Straight Mode, Overtake Mode, Boost Button, Super Clipping, Recharging - für traditionelle Formel-1-Fans ist das neue Reglement ein Sammelsurium an Fachbegriffen, die den Sport massiv verkomplizieren. Vor allem jene, die gerne tief in die Materie eintauchen, benötigen gefühlt ein Ingenieursstudium, um folgen zu können.
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