Handball-EM
Handball-EM: Dieses DHB-Team sieht schlecht aus und kann doch Europameister werden - Kommentar
- Aktualisiert: 24.01.2026
- 23:41 Uhr
- Thomas Kreidemeier
Ohne die 22 Paraden und 44 Prozent Fangquote von Andi Wolff wäre Deutschland gegen Norwegen wohl untergegangen. Doch insgesamt ist das deutsche Team jetzt zum dritten Mal "gerade gut genug" – kein Zufall. Ein Kommentar.
von Thomas Kreidemeier
Wer nur die Ergebnisse der letzten drei Deutschland-Spiele bei der Handball-EM gesehen hat, sieht Deutschland womöglich zielstrebig gen Titel eilen.
Wer nur das Spiel gesehen hat, ohne aufs Ergebnis zu achten, für den war der deutsche Auftritt gegen Norwegen schwer zu ertragen bis katastrophal.
Wer beides zusammenfügt, muss konstatieren: Der Erfolg gibt ihnen recht – und bei dieser EM ist noch alles möglich, im schlechten, aber auch im guten Sinne.
DHB-Team vs. Norwegen: Was lief vorne schief?
Wieder war es vor allem die erste Halbzeit, in der offensiv nichts zusammenpasst. Fehlpässe, Missverständnisse, schwierige Wurfpositionen und mangelnde Präzision, wo man auch hinsieht.
Deutschland kommt nicht zu einfachen Toren, zu schnellen Toren – jeder einzelne Treffer wird mühsam erzwungen über riskante Anspiele auf die Mitte oder Distanzwürfe. Deutschland braucht hier und da das nötige Quäntchen Glück und viele rausgeholte Siebenmeter; über die Schiedsrichterentscheidungen kann sich heute kein Deutscher beschweren.
Wieder fehlt in der ersten Hälfte ein Spieler, der im Abschluss zuverlässig funktioniert und die Tore macht, wenn sich sonst keine Lücke auftut. War es gegen Portugal Miro Schluroff, der von der Bank kam und diese Rolle im Laufe des Spiels einnahm, ist es heute Marko Grgić, der aber erst sehr spät im Spiel heißlief und am Ende mit 7 Toren aus 9 (teils schwierigen) Würfen offensiver Matchwinner war.
Wie kann Deutschland dieses Spiel trotzdem gewinnen?
Da ist natürlich zunächst der unfassbare Andreas Wolff. Dieser Mann hätte sich heute im Alleingang den EM-Titel verdient. Die Mitspieler überschlagen sich mit Lobesworten, die Zahlen sprechen für sich, normal sind Fangquoten um die 30 Prozent. Und Andreas Wolff liefert das nicht zum ersten Mal – mit dem Faktor Torwart kann Deutschland planen.
Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass der deutsche Schlussmann unterstützt wurde durch eine wieder einmal bockstarke Defensivleistung gegen Norwegen. Zwar ^nahm Wolff mit einigen Über-Paraden auch Würfe raus, bei denen Gegenspieler völlig frei zum Abschluss kamen – doch bei einigen kann er auch glänzen, weil Norwegen in schwierige Wurfpositionen gedrängt wurde.
Sei es der Links- oder Rechtsaußen, der nur wenig Platz hatte, in die Mitte zu ziehen; sei es der Doppelblock aus Johannes Golla und Tom Kiesler in der Mitte, der immer nah am Mann war und an einige Würfe sogar noch die Finger dran bekam.
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DHB-Team: Welche Hoffnungschimmer gibt es offensiv?
Und vorne stehen nach 32 Toren gegen Portugal auch heute am Ende doch wieder 30 gegen Norwegen. Denn aus der Breite des deutschen Kaders springen immer neue Spieler in die Bresche.
Es ist schwer verständlich, warum bei den etatmäßigen Leistungsträgern im Rückraum Juri Knorr (1 Tor aus 4 Würfen), Julian Köster (0/1 Tore) oder Renars Uščins (2/3 Tore) heute der Knoten so gar nicht platzt, warum Johannes Golla in den ersten Spielminuten frei vorm Tor zwei Bälle verwarf. Feste Führungsspieler, konstante Leistungsträger sind Mangelware.
Doch dafür war es diesmal Franz Semper, der in Hälfte Eins vier Mal traf und Deutschland im Spiel hielt - mit ihm hatte kaum jemand gerechnet. Schluroff, Semper, Grgić – sind sie die letzte deutsche Hoffnung, sind sie auch da.
Deutschland bei der Handball-EM: Wie ist nun die Ausgangslage?
Fakt ist: Deutschland hat als einziges Team in seiner Hauptrundengruppe 6 Punkte, Frankreich und Dänemark stehen bei 4, der Rest ist so gut wie raus.
Die besten zwei Teams kommen ins Halbfinale und Deutschland reicht ein Sieg aus den verbleibenden beiden Spielen, vielleicht sogar ein Unentschieden. Und dann wären es nur noch zwei KO-Spiele bis zum Titel ...
Doch mit einer ersten Hälfte wie heute kann man gegen die Top-Teams Frankreich oder Dänemark auch schnell baden gehen – bei dieser EM ist also noch alles möglich.